Wenn die Resozialisierung Aus bleibt 03.10.2013 - von Roman Kurtz

Resozialisierung von Straftätern, Kriegsgefangenen oder Fliessbandarbeitern?

Nein, gewiss behandelt folgender Text eine völlig andere Sache. Resozialisierung von Metallern.
Nach mehrtägig versoffenen Open Air Festivals ist der gemeine Metaller in der Lage, sich binnen Sekunden der „normalen“ Bevölkerung anzupassen und hat sich somit in der Gesellschaft integriert und ist resozialisiert.
Was passiert, wenn diese kurze aber entscheidende Phase nach einem Festival aber Aus bleibt? Ich finde zu diesem Thema weder Langzeitstudien noch sonstige wissenschaftliche Theorien. Also im Folgenden ein Szenario, wie ich mir das Vorstellen könnte.

Am Montagmorgen erwache ich mit leichten Kopfschmerzen und Gedächtnisverlust der letzten zwei Stunden vor dem einschlafen. Mit Kutte (NUR mit Kutte) bekleidet torkle ich in Richtung Dorfladen. Zigi in der einen, Bier in der anderen Hand.
Die Kassiererin ist total entsetzt als sie mich sieht und möchte, dass ich den Laden sofort verlasse. Mit einem gekonnten Rülpser und der klaren Ansage, dass ich ohne Bier und Zigaretten den Laden nicht verlassen werde schlender ich durch die Regale.
Mit einem Bier und einer Packung Zigaretten, ach was ist ja Festival, mit zwei 24er Packungen Bier und zwei Stangen Zigaretten verlasse ich schliesslich den Dorfladen.
Nach zwei Bierchen entscheide ich mich doch für das Anziehen einer Hose. Dann geh ich weiter zum Shuttlebus. Am Bahnhof angekommen fluch ich lautstark über die unzumutbaren Verhältnisse in den Shuttlebussen, bis mich ein Passagier schliesslich aufklärt. Ich befinde mich ja im Zug und das arbeitende Volk ist von Mir nicht gerade angetan.
Die Billetkontrolle einer jüngeren Dame der SBB empfinde ich als Grund genug sie zu Fragen, ob sie sich nicht entblössen möchte. Dieser Wunsch wird von verschiedenen Passagieren auch sehr verschieden aufgenommen, aber bei mindestens zwei konnte ich eindeutig ein Schmunzeln erkennen. Die Zugbegleiterin wiederum ist überhaupt nicht begeistert und möchte ausschliesslich meine Fahrkarte sehen.
Ich weise voller Überzeugung das Stoffbändchen vom letzten Wochenende vor, hilft mir genau so viel wie Aspirin gegen einen Hirntumor. Eine Busse für das Fahren ohne gültigen Fahrausweis wird sofort verhängt.
In Zürich angekommen lass ich der Natur freien lauf. Die Bahnhofpolizisten sind über mein öffentliches Urinieren überhaupt nicht erfreut, die zweite Busse des heutigen Tages.
Im Büro ist als erstes Team Meeting angesagt. Die Präsentation des Chefs untermale ich mit Headbangen und Zigarettenpausen. Als der Chef zum Schlusswort kommt erklingen von meiner Seite aus bereits die ersten „Zugabe“ Schreie. Die anderen Mitarbeiter fanden den ersten Liveact sichtlich nicht so toll, da ich der einzige bin der sich um eine Zugabe bemüht.
Der Chef erläutert schliesslich: „Kaffeepause für 20 Minuten.“ Nach 15 Minuten und zwei vernichteten Bier versuche ich die Mitarbeiter wieder in den Meetingraum zu bewegen, da ich in der ersten Reihe stehen möchte. Dazu kann ich jedoch niemand überreden also torkle ich alleine in den Raum. Einige Mitarbeiter verbrachten die Pause im Konferenzraum, diese wurden mit systematischem Moshpit in die hinteren Reihen verbannt.
Der Chef wies mich dezent auf eine fristlose Kündigung hin, also vorbei mit der Show, dafür mehr Zeit zum Biertrinken.
Der Stadtpark wird spontan als Campingplatz identifiziert. Mit Campingstuhl und Büchsenravioli, natürlich auch Bier und Zigaretten, setz ich mich in eine gemütliche Runde. Dass ich dabei eine grössere Dealaktion von bewusstseinserweiternden Substanzen störe, fällt mir aufgrund von Bierkonsum erst zu Spät auf. Bevor ich allerdings ein Messer in meinem Bauche wiederfinde, schreitet die Polizei ein. Als Drogendealer werde ich verhaftet und das Festival ist endgültig Beendet.

Bilanz eines Alltages mit Festivalallüren:
- 80.- SFr. Busse wegen Schwarzfahren
- Verbal sexuell belästigtes Zugpersonal
- 120.- SFr. Busse wegen öffentlichem Urinieren
- Geschockte Verkäuferin des heimischen Dorfladens
- Fristlose Kündigung wegen diverser Konzerttechnischen Missverständnisse
- Verhaftung wegen Missverständnissen auf dem Campground

Fazit: Festivalzeit, schöne Zeit aber das umschalten und anpassen ist für den Alltag unumgänglich und auch eine Dusche ist nach einigen Tagen mehr als wohltuend.

Wenn die Resozialisierung Aus bleibt von R. Kurtz

(2009)