Himmlische Personenfreizügigkeit 05.07.2014 - von Roman Kurtz

Dienstag, 10. Juni 2014, Brüssel
Nachdem die Europäische Menschenrechtskonvention endlich auch vom Vatikanstaat ratifiziert wurde, brach schon die nächste Grundsatzdebatte los. Sollte die von der EU als nicht verhandelbar deklarierte Personenfreizügigkeit auf das Himmelreich ausgeweitet werden.

Der Heilige Stuhl reagierte empört, der Papst liess bei der Pressekonferenz verlauten: “Die Römisch-Katholische Kirche lässt sich die Personenfreizügigkeit für den Himmel nicht aufoktroyieren. Das Regelwerk für den Zugang zum Himmel ist eindeutig durch die Bibel fest- und durch den Vatikan ausgelegt;eine Öffnung der Grenzen für Andersgläubige oder gar lebende Personen steht ausser Frage.”

Die Zahlen von Amnesty International sind alarmierend. Gemäss der Statistik von 2012 gelingt gerade mal 0,5% der Weltbevölkerung der Einzug ins Himmelreich. Bei 17.5% Katholiken in der Weltbevölkerung ist nicht einmal die Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche eine Garantie für den problemlosen Zugang zum Himmel.

So argumentiert auch ein Sprecher des Europarats: “Als Teil der EU müsste der Vatikan die Presonenfreizügigkeit auch im Himmelreich schon lange durchsetzen. Bisher konnte die Diskriminierung jedoch nicht geahndet werden, mit der Ratifizierung der EMRK kann der Europäische Gerichtshof endlich durchgreifen. Der Europarat fordert eine konsequente Um- und Durchsetzung von bestehendem Recht.”

Das Urteil vom EuGH wird nicht vor Oktober 2014 Erwartet. Die Diskussion jedoch ist Weltweit lanciert.

Der amerikanische Theologe und Katholik “Jason Tyler” kritisiert die banale Schlussfolgerung der EU: “Die EMRK wurde vom Vatikan auch eingehalten, bevor dieser diese ratifiziert hatte. Aufgrund der Ratifizierung jetzt auch Schlüsse aufs Himmelreich zu ziehen ist fatal. Insbesondere wäre die Personenfreizügigkeit nur für EU Bürger gewährleistet, nicht jedoch für Katholiken aus den USA oder anderen Drittstaaten. Von Menschlichkeit zu predigen und dann Sünder aus allen EU Staaten ohne christlichen Glauben in den Himmel zu lassen ist blanke Heuchelei. Überhaupt über Personenfreizügigkeit im Himmel nachzudenken ist Blasphemie. Das Regelwerk der Römisch-Katholischen Kirche ist eindeutig und wer sich nicht daran hält, kommt auch nicht rein.”

Aus Teheran erreichte uns folgende Meldung: “Die islamische Republik ist empört über die Inanspruchnahme des Himmelreiches durch den Vatikan. Der Zorn Allahs wird über den Vatikan kommen, nur Allah entscheidet über Himmel und Hölle. Keine Demokratie der Welt könne in den Entscheidungsprozess von Allah eingreifen. Personenfreizügigkeit ist keine Option weder für Europa, noch für andere Länder, weder jetzt noch in Zukunft. Der Westen wird Vergeltung ernten, wenn er Personenfreizügigkeit sähen will.”

Diese scharfen Angriffe dürften weitere Sanktionen des Westens nach sich ziehen, doch in Glaubensfragen ist der Iran unerschrocken. Viel entspannter nimmt dies die Volksrepublik China auf und lässt verlauten: “An Personenfreizügigkeit mit dem Himmel sind wir nicht interessiert. Das Paradies für unsere Bürger ist in den Fabriken und Menschenrechtskonventionen lassen sich nicht ins Chinesische übersetzen. Wenn das Himmelreich an einem Freihandelsabkommen interessiert ist, wäre China für Verhandlungen bereit.”
Der Kreml hält sich kurz: “Personenfreizügigkeit hin oder her, sollte Wladimir Putin jemals in den Himmel reisen, so geniesst er diplomatische Immunität oder aber das Himmelreich wird annektiert.”

Ein Sprecher der Giordano Bruno Stiftung erklärt ausführlich: “Das Personenfreizügigkeitsabkommen ist eine riesen Errungenschaft der Europäischen Union. Es ist entsetzlich, dass das Himmelreich immer noch fadenscheinig begründete, religiös motivierte Sonderregelungen erhält. Es ist schlicht nicht fair, in einer säkularen Institution wie der EU, den Glaubensgemeinschaften noch immer solche irrationalen Privilegien zuzugestehen. Weiter halten wir von der GBS fest, dass wir die Existenz des Himmelreiches generell in Frage stellen, sollte dieses jedoch (mit an Sicherheit grenzender Unwahrscheinlichkeit) dennoch real sein, so fordern wir die unbedingte Ausweitung der Personenfreizügigkeit. Weiter möchte die GBS auf die Problematik mit dem Tierreich aufmerksam machen, warum soll es für Tiere kein Himmelreich geben? Wir bitten den EuGH um Klärung.”

In der Schweiz wurde die Forderung der Ausweitung der Personenfreizügigkeit sehr differenziert aufgenommen. Federführend liess die SVP verlauten: “Wir können uns voll und ganz mit dem Vatikan identifizieren, auch die SVP fordert die eigenständige Regulierung der Zuwanderung und wie die Volksabstimmung vom 9. Februar 2014 beweist, ist dies auch im Interesse des Volkes. Einer souveränen Glaubensgemeinschaft undemokratisch Europäische Regelungen aufzuzwingen erachten wir als skandalös. Es gilt den Willen des Volkes sowie die Souveränität des Landes und auch die Religionsfreiheit zu respektieren.”

Die GBS-Schweiz, einer Tochter der Giordano Bruno Stiftung, erklärte folgendes: “Die Personenfreizügigkeit erachten wir als selbstverständlich. Viel wichtiger finden wir die Einführung veganer Menüs im Himmelreich. Wie kann etwas himmlisch sein, wenn der Fleischkonsum gefördert wird? Wir distanzieren uns vollumfänglich von diesen mittelalterlichen Machenschaften und wie auch die GBS selbst stellen wir die Existenz des Himmelreiches generell in Frage.”

Auch die Freisinnigen, die FDP nahm Stellung: “Liberal unterstützen wir die Personenfreizügigkeit, möchten aber auf den gesunden Menschenverstand verweisen. Ob das Himmelreich existiert oder nicht hat der Staat oder eine staatenähnliche Institution wie die EU nicht zu entscheiden. Wer konkret Einlass erhält oder nicht, liegt auch nicht in erster Linie bei den Institutionen. Es liegt wie immer in der Eigenverantwortung, wir können Leitblanken definieren, welche vom Volk demokratisch abgesegnet werden, was der Einzelne daraus macht ist jedoch wie immer einem selbst überlassen. Sollten sich die EU und der Vatikan über die Personenfreizügigkeit im Himmel einigen, müsste in der Schweiz sowieso erst eine Abstimmung zur „Horizonterweiterung“ vors Volk kommen, in keinem Bilateralen Vertrag wurde dies bisher geregelt.”

Vom Bundesrat gibt es keine offizielle Stellungnahme, in Bundesbern hört man jedoch Gerüchte, dass sich Didier Burkhalter als Vermittler angeboten hätte. Die SVP fordert seinen Rücktritt.

Vorerst gilt es das Urteil des EuGH abzuwarten, je nach Resultat dürfte das die Diskussion erst richtig entfachen, es ist nicht auszuschliessen, dass die Bürger der Europäischen Union schon Ende dieses Jahres ohne Einreisekontrollen in den Himmel fahren könnten, dies wäre die grösste, wie auch umstrittenste, Öffnung seit dem Fall der Berliner Mauer.

Himmlische Personenfreizügigkeit von R. Kurtz - 30.06.14

Disclaimer: Kurtztexte sind satirischer Natur und frei erfunden; Kritik bitte direkt und ohne Abmahnung an kurtz[at]hellvetia.ch, wir sind eigentlich aber mit relativer Sicherheit, quasi, quasi, vernünftig.