Frei.Wild? 24.05.2015 - von Roman Kurtz

Frei.Wild sind wieder im Gespräch, ob nun positiv oder negativ behaftet, klar ist, sie polarisieren. Aktuell geht es um die Bestätigung als Headliner beim Out & Loud Festival.

Es handelt sich um ein Metalfestival mit einem durchaus, innerhalb des Metal Genres betrachtet, heterogenem Lineup. So finden sich auf dem gleichen Flyer unter anderen die Namen von J.B.O., Helloween, Arch Enemy, Megaherz, Majesty, Eluveitie, Dark Fortress oder Skull Fist.
Was also hat es mit der Bestätigung von Frei.Wild auf sich und wieso führt diese zu Kontroversen?
Nun zunächst zu der Kontroverse auf Facebook, hier nur einige (wenige!) Beiträge, welche sich auf FB finden lassen. (Von der Out & Loud Facebook Seite, oder von FB-Seiten der Bands die abgesagt haben.)
Zunächst die Argumentation Contra Frei.Wild:

F. F. am 27.1.15 um 18:50: "Unverständlich, wie man eine so eindeutig rechtspopulistische Band überhaupt einladen kann!"

K. G. am 27.1.15 um 18:52: "unverständlich, auf allen Metalfestivals in Deutschland ein no go; und hier machen sie den guten Ansatz mit der underground stage total kaputt"

A. M. am 28.1.15 um 14:06: "Mal vom politischen abgesehen.. die band macht richtig schlechte Musik und ist keine metalband"

M. B. am 30.01.15 um 01:41: "Ihr scheiß Frei.Braun Freaks könnt doch nix anderes als die stumpfen Parolen eures Führers Burger sinnleer nachzuplappern.
Und dazu gehört es eben auch das er konsequent Heimatliebe und Patriotismus predigt.[...] Alles substanzlos und dumm, Texte für Lebensverlierer und eierlose Nachplapperer.
Mag ja alles seine Berechtigung haben, was so ein Volk aber auf einem METAL (!!!) Festival zu suchen hat muss man wohl nicht verstehen.[...]"

H. R. am 2.2.15 um 00:10: "Der gemeine FW-Fan ist nun mal primär im unteren sozialem Sektor anzutreffen, da er intellektuell nicht dazu in der Lage ist, komplexe Zusammenhänge zu begreifen und demzufolge folgerichtig sich simplen Lösungen unterwirft.
Oder um es kurz zusammen zu fassen. Der gemeine FW-Fan ist zu blöde, seinem Namen in den Schnee zu pissen."

Total ausserhalb der Berichterstattung möchte ich wertneutral erwähnen, dass mich persönlich das Adjektiv „eierlose“ amüsiert. Man stelle sich den Komparativ von „eierlos“ einmal vor: Dieser wäre „eierloser“, was wiederum die Brücke zur englischen Sprache eröffnet. Also „eier-loser“, womit wir wieder bei eier-verlierer, quasi ohne Eier, äquivalent zu eierlos wären.
Ich schweife ab, weiter mit der Argumentation Pro Frei.Wild:

J. D. am 28.1.15 um 06:19: "Ich fasse es nicht... Jetzt kommen hier wieder die alten Nazi- Sprüche, die zeigen, dass man keine Ahnung hat und nur anderen Idioten nachplappert...
[...]"

C. K. am 28.1.15 um 12:32: "Menschen kann man nicht von ihren Gefühlen trennen diese sind nicht braun und auch nicht rot und gegen jeden Extremismus....
Schlagzeile groß , Hirn zu klein ...
Ziemlich traurig was hier so abgeht."

K. S. am 28.1.15 um 06:53:"Ich bin eigentlich ehrlich enttäuscht. [...] Denn die Südtiroler Band mag vieles sein, aber nicht rechtspopulistisch. Habt ihr euch eigentlich mal die Songs angehört? Oder glaubt ihr an den Scheiß der in der Presse breitgetreten wurde?[...] Ich bin Frei.Wild Fan. Und ich bin stolz darauf."

J. D. am 1.2.15 um 21:39: "Patriotismus hat noch lange nichts damit zu tun ob jemand ein Nazi ist, aber es gibt eben "Linke" die sowas nicht akzeptieren... Die ganze Diskussion hier ist echt eine Farce... unglaublich..."

Benennen wir die drei Hauptargumente gegen den Frei.Wild Auftritt am „Out & Loud“:
1. Die Band ist rechts/rechtspopulistisch/rechtsextrem.
2. Die Band ist einfach nur schlecht und/oder kein Metal.
3. Die Band zieht „asoziales“ Publikum an.

Es geht mir nun in erster Linie nicht darum diese Argumente zu entkräften oder zu bestärken. Vielmehr möchte ich unvoreingenommen einige Gedanken und Fragen aufwerfen, mit was wir es hier zu tun haben.

Ist die Band „rechtsextrem“? Offenkundig ist sie es nicht. Wäre sie auf Augenhöhe mit Stahlgewitter oder Landser, würde sich die Kontroverse gleich erübrigen. Eine eindeutig rechtsextreme Band könnte nicht solche kommerziellen Erfolge verbuchen und würde auch von seriösen Veranstaltern gänzlich gemieden. Bei Frei.Wild ist es wennschon etwas diffiziler.
Der Vorwurf des „Rechtspopulismus“ muss sich die Band, insbesondere aufgrund der Vergangenheit von Frontmann Philipp Burger, gefallen lassen. Wie es der Terminus „Vergangenheit“ bereits akzentuiert, entspricht die offizielle politische Gesinnung von Herrn Burger nicht mehr dieser fadenscheinigen Partei.
Die Band selbst, verweist in diversen Liedtexten darauf, dass sie weder links noch rechts und generell gegen Extreme seien. (Generell gegen etwas zu sein, ist eigentlich auch eine Pauschalisierung, welche als extrem ausgelegt werden könnte. An dieser Stelle sei das Paradoxon verziehen.)
Nun bedienen Frei.Wild Themen wie Patriotismus, Nationalstolz oder Heimatliebe. Dies ist bei Volksmusik Gang und Gäbe, jedoch unterscheidet sich das Zielpublikum markant. Bei Volksmusik wird dem Altersdurchschnitt entsprechend eine vergangene Zeit heroisiert, mit aktuellen politischen Belangen haben diese Veranstaltungen kaum etwas zu tun.
Frei.Wild wiederum bedient ein weitaus jüngeres Publikum. Im Mittel sind auf Konzerten Personen zwischen 14 und 26 Jahren anzutreffen, natürlich nach Oben offen. (Subjektive Einschätzung, keine fundierten Daten vorhanden.) Auf ein junges Publikum können die Texte, welche bei Konzerten geschlossen mitgesungen werden, bleibenden Eindruck hinterlassen. Werden die Lieder, welche wie Parolen instrumentalisiert werden können, auf ein politisch unentschlossenes oder desinteressiertes Publikum „eingeschossen“, besteht die Gefahr, dass die „Schwarz/Weiss“ und „Wir gegen die Anderen“ Rhetorik auch auf aktuelle politische Sachverhalte bezogen werden.
Es besteht also durchaus ein Risiko des „Erstkontakts“ zur Idealisierung von antiquierten Ideen, welche vom Patriotismus zum Nationalismus überschlagen könnten.
Es wäre ein trauriger Fehlschluss nun ein Verbot dieser Band zu fordern oder sie nicht an „Metal“ oder generell heterogenen Festivals auftreten zu lassen. Ein Verbot würde einerseits die Bekanntheit der Band massiv steigern, die Rolle der Opposition könnten sie dann wirklich glaubhaft und auch objektiv begründet einnehmen. Andererseits darf die Band, meiner Meinung nach, nicht verboten werden, da sie nicht gegen geltendes Recht verstösst. Hier positioniere ich mich klar auf den Werten der Meinungsäusserungs- und Versammlungsfreiheit, diese müssen, von links bis rechts, allerlei Dummheiten zulassen.
Da also ein Verbot nicht in Frage kommt, könnte man jedoch dafür sorgen, dass sie nicht bei Metalfestivals auffahren?Theoretisch ja. Wird ja auch weitläufig so gemacht, nur wenige Festivals mit „reinem Metal Lineup“ nehmen* Frei.Wild* aufs Billing. Nehmen sich einige Veranstalter die Freiheit heraus, (Wacken, Summerbreeze, Rockharz, etc.) ist mit massiver Kritik zu rechnen. Zu handfesten (für die Ermittlungsbehörden relevanten) Zwischenfällen kam es nie.
(Ob und wie „rein“ das reine Metal Lineup von WOA, Breeze oder Rockharz ist oder war, sei hier nicht weiter hinterfragt.)
Warum aber bin ich gegen die Ausgrenzung von Bands wie Frei.Wild bei Metalfestivals? Einerseits finde ich einige Lieder selbst ganz cool und mit ein paar Bier kann das durchaus Laune machen. Davon Mal abgesehen würde die Ausgrenzung bei Metal und andersartigen gemischten Festivals eine Ghettoisierung begünstigen.* Frei.Wild* und Ihre Anhänger würden sich vermehrt unter sich treffen, ein Austausch käme kaum zu Stande. Um auf das Szenario von Vorhin zurück zu kommen, dass vorwiegend junge Leute bei Konzerten in eine Schwarz/Weiss Dialektik verfallen können, hierfür sind heterogene Veranstaltungen das beste „Gegengift“. (Albumtitel von Frei.Wild 2010, ja ich bin mir der Mehrdeutigkeit bewusst.)
Ein Gedankenexperiment:
„Hans, 15 Jahre alt, geht zum Frei.Wild Konzert. Dort wird er neben des unglaublichen „Wir-Gefühls“ auch mit zwiespältigen Ansichten in Berührung kommen. Hans ist sich seiner Sache und seiner Position sicher, Schwarz und Weiss, wir gegen die Anderen, weitere Ansichten gibt es nicht. Hans möchte das Gefühl der Macht innerhalb der Gruppe erneut erleben und geht darum auf das nächste Frei.Wild Konzert. Es findet am „Out & Loud Festival“ statt, nun gut, die anderen Bands sagen Hans nicht so viel, aber Frei.Wild reicht ja auch.
Beim „Out & Loud“ trifft Hans auf viele verschiedene Weltansichten, auf viel Toleranz, auf seltsame Kuttenträger, auf ein riesiges heterogenes Etwas und eine unglaublich gute Stimmung ohne die Schwarz/Weiss Rhetorik. Hans beginnt zu denken.“
Ohne diese Veranstaltungen und Überschneidungen hätte Hans keinen oder einen viel geringeren Berührungspunkt mit anderen Ansichten. Gerade auf Metalfestivals hätte Hans auch keine Chance, seine Ansichten mit Gewalt durchzusetzen. Ein Nachdenken und Überdenken seines Standpunktes wäre also sehr wahrscheinlich. Es ist mir klar, dass dies eine sehr optimistische Haltung ist und wenn, dann nur im Anfangsstadium funktionieren kann. Vorsorglich sei das Gegenargument „Mit den Idioten kann man sowieso nicht reden“ behandelt:
Schon einmal versucht, mit besagten „Idioten“, ohne eigene Vorurteile zu sprechen? Meiner Erfahrung nach funktioniert dies sogar ziemlich gut, denn wie mit jeder extremen Position haben sich deren Anhänger intensiv mit ihr beschäftigt und können ziemlich gut argumentieren, wieso sie diese Haltung einnehmen. (Vergleichsweise religiöse Fanatiker.) Wenn man nun mit rationalen Argumenten die gesamte Anschauung diskreditiert wird beim Gegenüber aus einer natürlichen Abwehrhaltung auf Stumm oder auf Gegenangriff geschaltet. (Vergleichsweise religiöse Fanatiker.) Wenn man jedoch dezent, oder humorvoll, oder bei einem Bier, etc. kleine Zweifel säht, wird man mit etwas Glück Reflexion und Erkenntnis auf der Gegenseite ernten.

Immer noch sehr utopische Gedanken, das ist mir klar, doch nicht an einer Verbesserung zu arbeiten und von vornherein auf Aussichtslosigkeit zu plädieren, wäre blanker Zynismus. Dies kann und will ich nicht für mich und für die Gesellschaft akzeptieren.
An dieser Stelle möchte ich noch kurz und knapp ganz konkret auf die Ausgangsthesen eingehen.
1. Die Band ist rechts/rechtspopulistisch/rechtsextrem.
„Wie erläutert ist die Band eindeutig nicht rechtsextrem. Inwieweit sie sich den Vorwurf des Rechtspopulismus gefallen lassen muss, kann nicht abschliessend geklärt werden. Unter der Argumentation der Meinungsfreiheit, sowie der rationalen Streitkultur im Sinne der Aufklärung, müssen die Äusserungen als Solche respektiert und unbedingt diskutiert werden.“
2. Die Band ist einfach nur schlecht und/oder kein Metal.
„Ob die Band „schlecht“ ist oder nicht, bleibt Geschmackssache, darüber zu streiten bringt indes überhaupt nichts. Dass es sich nicht um eine „Metal-Band“ im klassischen Sinne handelt, ist genauso klar, wie irrelevant. Manche Bands sind besser oder schlechter darin gewisse Klischees zu bedienen, dies sollte kein Argument für oder gegen einen Auftritt an Open Airs, respektive Metal Festivals sein. Auch innerhalb des Metals ist eine Entwicklung wichtig, nur so erklärt sich das durchmischte Publikum.“
3. Die Band zieht „asoziales“ Publikum an.
„Ein eindeutiges Jein zu dieser Aussage. Per Definition von „duden.de“:
"Unfähig zum Leben in der Gemeinschaft, sich nicht in die Gemeinschaft einfügend; am Rand der Gesellschaft lebend.
[...]
(umgangssprachlich abwertend) Ein niedriges geistiges, kulturelles Niveau aufweisend; ungebildet und ungehobelt."
Per Definition 1 ist „der gemeine Frei.Wild Fan“ (salopp formuliert) das pure Gegenteil. Er integriert sich eher zu gut in der Gruppe, so, dass der In-Group / Out-Group Bias (http://en.wikipedia.org/wiki/In-group_favoritism) sehr stark zu tragen kommt.
An der Definition 2 scheiden sich bekanntlich die Geister. Diese Beschreibung trifft genauso auf das Klischee des Heavy Metal Fans der 80er Jahre zu.
Von diesen theoretischen Erklärungsversuchen Mal abgesehen, ist es so, dass es immer Leute auf Festivals haben wird die einem mehr oder weniger passen. Kriminalstatistisch liegt keine fundierte Kausalität zwischen Frei.Wild Publikum und Gewaltdelikten vor, somit sollte diese These verworfen werden.“

Ein weiterer Aspekt der Debatte ist zweifelsfrei der, dass einige Bands dem „Out & Loud“ eine Absage erteilten, nachdem Frei.Wild bestätigt wurden. Einerseits sind relativ junge/neue Bands, welche sich dem 80er Jahre Metal verschrieben, abgesprungen. Andererseits auch eine Band welche sich im Bereich der NDH/alternative einordnen lässt (Gemäss bandeigener Website, kenne die Band persönlich nicht).
Ist es wirklich sinnvoll und überzeugend, einen Auftritt ersatzlos zu streichen, weil einem eine Band auf dem Billing nicht passt? Ich finde nicht. Ein Boykott kann durchaus legitim sein für eine klare Positionierung „gegen rechts“ aber ein Metalfestival wie das „Out & Loud“ ausgerechnet wegen angeblich rechten Tendenzen zu boykottieren ist schwachsinnig. (Aus oben erläuterten Gründen.)
Daher frage ich mich, wieso diese Bands sich zu diesem Schritt entschieden haben. Ich kann an dieser Stelle nur einen Vorwurf, welcher den Veranstaltern des „O&L“ unterstellt wird, weitergeben: Ökonomische Interessen. Ausser der marginalen Werbewirkung und einer (ganz in Frei.Wild Manier „Feinde deiner Feinde“) umgekehrten Solidarisierung, dürfte dieser Schritt keine enorme Wirkung entfalten. Wiederum für die Metalfans beim „O&L“ ist es eine blanke Enttäuschung.

Fazit: Ich würde mich über eine differenzierte Berichterstattung ebenso freuen, wie über einen konstruktiven Diskurs. Am Schluss müssen die verschiedenen Ansichten nicht von beiden Seiten akzeptiert werden. Eine Toleranz auf vernünftiger Basis scheint mir ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Immer mit dem Gedanken daran, dass einerseits möglichst viele Bands ohne Schwierigkeiten auf demselben Festival spielen können und natürlich auch im Sinne einer entspannten Stimmung auf den jeweiligen Campgrounds. Dazu können „beide Seiten“ (respektive jeder für sich, ohne sich „einer Seite“ zugehörig zu fühlen) mit Vernunft und Entspannung beitragen.

Frei.Wild? von R. Kurtz – 17.02.15